Warum überhaupt tragen? - Weil Babys getragen werden wollen!

Vom biologischen Standpunkt aus betrachtet, sind Babys Traglinge. Was bedeutet das? Sie werden noch unreif geboren, können ihren Müttern nicht selbstständig folgen wie beispielsweise Fohlen oder Kälber, sie brauchen aber - im Gegensatz zu den typischen Nesthockern, z. B. junge Katzen oder Häschen, - häufig Nahrung und können daher nicht wie diese von der Mutter alleine gelassen werden.

Babys helfen aktiv mit beim Tragen, indem sie die Beinchen so anhocken, dass sie besser auf der Hüfte der Mutter sitzen können. Auch der Greifreflex ist vorhanden, der kleinen Affen hilft, sich an ihrer Mutter festzuhalten - nur funktioniert das mit dem Festhalten bei uns Menschen nicht, weil wir viel weniger Haare haben und aufrecht gehen. Die Eltern müssen also ihr Baby tragen, weil es sich nicht selbst festklammern kann (auch bei den Menschenaffen dauert es übrigens 1-2 Monate, bis die Affenbabys sich selbstständig an ihren Müttern festhalten können).
Wir Menschen denken noch in mancher Hinsicht wie unsere Vorfahren in der Steinzeit, und in unserem Verhalten ist daher festgelegt, dass Babys die Nähe der Mutter oder einer anderen Vertrauensperson brauchen. Allein gelassen zu werden war und ist für ein Baby gleichbedeutend mit Lebensgefahr, denn es hat keine Chance, alleine zu überleben. Es würde - in der freien Natur - verhungern oder von Raubtieren gefressen werden. Also ist es nicht verwunderlich, dass Neugeborene so oft schreien, wenn man sie hinlegt. Sie müssen erst lernen, dass ihr Bettchen, ihre Kuscheldecke oder der Kinderwagen sichere Orte sind, und sie müssen auch erst lernen, dass ihre Vertrauenspersonen zwar auch mal weg sind, aber immer wiederkommen und ihre Bedürfnisse erfüllen.

Die Grundbedürfnisse eines Neugeborenen sind einfach zu erfüllen, denn es sind wenige:

  1. Nahrung (offensichtlich)
  2. Wärme (die Temperaturregulation funktioniert am Anfang nur eingeschränkt)
  3. Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit

Das Schöne ist, dass eine Mutter alle diese Bedürfnisse ganz einfach erfüllen kann, indem sie ihr Kind bei sich hat und stillt. Die körperliche Nähe zur Mutter liefert Wärme und Sicherheit, und ihre Milch liefert Nahrung. Ist das nicht wunderbar?

Warum also eine Tragehilfe benutzen?

Natürlich kann man ein Baby einfach auf dem Schoß halten oder gut auf dem Arm tragen, um sein Bedürfnis nach Nähe zu erfüllen, aber früher oder später wird so ein Baby doch schwer, und außerdem will man ja auch mal die Hände frei haben. Eine Tragehilfe bietet die Möglichkeit, die Hände frei zu haben, um Verschiedenes zu erledigen, und gleichzeitig das Bedürfnis des Babys nach Geborgenheit zu erfüllen. Und da Tragen bietet auch noch andere Vorteile, auf die ich auf der Seite zum Nutzen des Tragens näher eingehen möchte.

Übrigens haben Wissenschaftler herausgefunden, dass das Tragen eines Babys im Tragetuch für die Mutter günstiger ist, als es im Arm zu tragen, weil sie für das aktive Festhalten des Babys deutlich mehr Energie verbraucht als wenn das Baby im Tuch sitzt (Wall-Scheffler et al. 2007). Die ersten Tragetücher gab es nachweislich schon vor 15 000 Jahren, und man vermutet, dass Menschen schon viel länger Babytragetücher verwendet haben. Kinderwagen hingegen gibt es seit nicht einmal 200 Jahren.

Der Archäologieprofessor Timothy Taylor (Bradford University) geht sogar so weit zu behaupten, dass das große Gehirnwachstum bei menschlichen Babys erst durch die Erfindung des Tragetuchs möglich war. Seiner Theorie zufolge erfand schon der Homo Australopithecus vor 2 Mio. Jahren das Tragetuch, und das führte dazu, dass menschliche Babys noch unreifer geboren werden konnten, denn im Tuch konnten sie geschützt und sicher weiter heranreifen, ähnlich wie die Jungen von Beuteltieren. Das Tragen im Tuch stellt für ihn gewissermaßen eine Verlängerung der Schwangerschaft dar.

 

Quellenangaben:

C.M. Wall-Scheffler, K. Geiger, and K.L. Steudel-Numbers: Infant Carrying: The Role of Increased Locomotory Costs in Early Tool Development; Am. Journal of Physical Anthropology 133 (2): 841–846 (2007)

Timothy Taylor: Slings and Arrows; New Humanist Volume 125 Issue 4 July/August 2010


© Mirjam Brockmann 2010

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